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EPISCHE ORTE
Wir alle haben das Bedürfnis nach großen Mythologien, nach epischer Getragenheit, nach Orten, die uns gefangen nehmen durch ihre Schönheit und die uns die Seele öffnen. Räume, die uns atmen lassen. Der Berliner Architekturfotograf Reinhard Görner zeigt uns Bilder von solchen Orten. Seine Fotografien strahlen Ruhe und Würde aus. Er verhilft den von ihm dargestellten Orten zu ihrem Recht, indem er sie ohne bildnerische Eingriffe so abbildet, als wären sie Personen. Oft spiegelt sich die Symmetrie der historischen Architektur direkt in seinen Bildern. Darüber hinaus lädt Görners Lichtführung die Räume sozusagen „elektrisch“ auf, es ist eine Spannung und Erwartung in ihnen, welche uns Betrachtenden den Raum so öffnet, dass unsere Gedanken befreit umher schweifen können.
Geheime Korrespondenzen
Das, was Reinhard Görner (*1950) für seine Fotoarbeiten aus der Welt der Blumen fordert, den bedingungslosen Anspruch auf Schönheit, das gelingt ihm auch in der abgeklärten Eleganz seiner Kulturtempel. „Jede Pflanze hat ihr eigenes Geheimnis, das sie jedem jederzeit offenbart.“ Aber, so der Fotograf, „offenbaren kann sie es uns nur, weil wir es mit ihr teilen.“ Dieses Einlassen auf die Geheimnisse der Schönheit fordern auch die Räume der Kunst, die Görner präsentiert. Statt des biologischen Kreislaufs von Werden und Vergehen wird hier die Sehnsucht nach Ewigkeit, das Unveränderliche angestrebt, und statt bewegter Lebewesen hat man es mit toten Objekten zu tun. Aber die universalen Gesetze der Schönheit wirken eben auch im Museum, zumal die empfindlichen Skulpturen und Bilder durchaus ein Eigenleben beginnen und miteinander zu korrespondieren vermögen. Sie scheinen Blicke zu wechseln, die zwischen Männern und Frauen, zwischen Nackten und Bekleideten, zwischen Alten und Jungen hin und her gehen. In einem Raum finden sich zwei niederländische Domherren, zu denen plötzlich ein sich lasziv räkelnder Sebastian zwei Kabinette weiter hinten in Kontakt tritt, als wolle er ihnen den wahren Weg zu Ekstase und Heiligkeit weisen. In einem anderen Saal treffen der irdische und der himmlische Amor zusammen und müssen durch eine Tür voneinander getrennt werden, wie man es zur Zeit ihrer Entstehung auch mit den beiden Malern der Bilder tun musste, die ihren gegenseitigen Neid und ihre Verachtung füreinander sowohl handgreiflich als auch juristisch austrugen. Es entspinnen sich Geschichten, die Flächen füllen, Räume erobern und die Epochen, die manches Mal zwischen den Kunstwerken liegen, überspringen, als wären sie ohne Bedeutung.
Aber auch den Räumen selbst verhilft Reinhard Görner zu ihrem Recht. Gelegentlich sind sie leer, in ihrer symmetrischen Leere jedoch nicht abweisend, sondern einladend und erwartungsvoll, als wären sie selbst darauf gespannt, was mit ihnen geschehen wird. Der Fotograf, der zunächst Germanistik, Theaterwissenschaften und Sinologie studierte, bevor er sich ab 1975 der künstlerischen Fotografie zuwandte, ist ein Meister der Ruhe, und seine Aufnahmen, ganz gleich welchen Genres, folgen einem einfachen Gesetz: Sie überzeugen durch Sensibilität und Perfektion.