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POLAROAD MOVIE – SCHNEIDERS NEUESTE WERKE
Stefanie Schneider braucht man LUMAS-Liebhabern nicht mehr vorzustellen. Ihre Bilder haben inzwischen Kultstatus. Ihre Figuren sind vielen bereits familiär und vertraut geworden. Doch da ist noch eine ganz andere Geschichte, die sich hinter den Bildern der international bekannten Fotografin verbirgt. Oxana, die Schauspielerin, die am Telefon Produkte verhökert, fühlt sich von einer Sängerin Max inspiriert, welche neu in der Stadt ist und von einem charismatischen DJ Damon bei der lokalen Radiostation für die Sendung „the lonely hearts“ interviewt wird. Eines nachts ruft Stevie, eine Anruferin mit deutschem Akzent an und erzählt eine herzzerreißende Geschichte über ein geheimnisvolles und doch superreales männliches Alphatier, den „Smoke Jumper“. Die ganze Stadt hört fasziniert zu. Dann geht das Leben weiter und die Story entwickelt sich. Die Schauspielerin trifft die Sängerin, und sie werden berühmt. Der Soldat stirbt auf dem Weg in den Krieg. Die Prinzessin, Soraya aus 1001 Nacht, die gekommen ist, um ihren Schmuck zu verkaufen, erkennt, dass dieser falsch ist. Alex, die Frau des Motelbesitzers, hat eine Affäre mit dem Pool-Boy. Die Geschichten, die Stevie erzählt hat, werden in den Fantasien der Radiohörer zu immer neuen, anderen, und der „Smoke Jumper“ ist in gefährliche und unheilvolle Geschehnisse verwickelt. Am Schluss versucht „unsere kleine Stadt“, sich wieder zu finden und sich einen Reim aus all den verästelten Ereignissen zu machen. Alles klar? Nein? Muss auch nicht sein, denn es handelt sich um die Synopsis eines Spielfilms, an dem Stefanie Schneider seit längerem arbeitet. In diesem Film soll nicht nur Super-8-, sondern auch 16-mm-Material eingesetzt werden, und vor allem, das ist der Schlüssel, Sequenzen stehender Bilder. Eben jene Polaroids, welche Stefanie Schneider bei LUMAS veröffentlicht. Jedes der Bilder, welches einen Käufer findet, ist ein kleiner Schritt Richtung Realisierung und ein kleiner Schritt zur Finanzierung des Films mit dem Titel: „29 PALMS, CA“. Wir alle, die wir Stefanie Schneiders sammeln, sind also zu einem kleinen Anteil Mitproduzenten an diesem erzählerisch komplexen Spielfilm, dessen Ästhetik sich in den Polaroids bereits enthüllt und den wir vielleicht, hoffentlich schon bald, im Kino anschauen können.
Gebrochene Idyllen
Schneiders Fotografien sind jung, attraktiv und auf eine betörende Weise wunderschön. Sie atmen Atmosphäre und vermitteln Lebensgefühl. Die starke Emotionalität, die ihnen innewohnt, macht sie der Werbung nicht unähnlich. Aber so anziehend sie Werbe-Strategien imitieren, immer gibt es diesen Moment, in dem sie unvermittelt zur Seite treten und den Blick des Betrachters auf das Unerwartete lenken – denn Stefanie Schneiders Bilder sind mehr als nur schöne Träumereien. Die bizarr entrückten Szenerien und Inszenierungen voller Melancholie und Sehnsucht verbreiten eine Langsamkeit und strömen eine bestrickende Muße aus, die verzaubert und anzieht. Und über allem liegt ein Schleier des Träumerischen und Wandelbaren. Gezielt eingesetzte Requisiten und der Einsatz symbolhafter Attribute bestimmen die Richtung der eigenen Fantasien. Telegrafenmasten, Flugzeuge, weite Ödnisse, eine Eisenbahnbrücke oder ein langer „Ami-Schlitten“ erzählen auf die gleiche Weise andere Geschichten als grelle Perücken, Kinderspielzeug, ein Kopftuch oder eine veraltete Super-8-Kamera.Schneiders Werk lebt von Anekdoten und vom Erzählen, aber auch von ihrer spezifisch europäischen Perspektive auf Amerika. Die Welt ihrer Fotografien ist bevölkert von schmalbrüstigen Jungs und zerbrechlichen Mädchen, die sich der Ausstrahlung ihrer Jugend und Schönheit nicht bewusst zu sein scheinen. In ihre Unbeschwertheit dringt die Welt der Erwachsenen nur als Bedrohung ein, gegen die man sich mit jugendlicher Kompromisslosigkeit wehren muss. Und tatsächlich haben die Arbeiten auch einen autobiographischen Aspekt, denn die Künstlerin rückt meist sich und ihre Freunde in den Fokus der Kamera. Ausgerechnet mit der Polaroidkamera fotografiert Stefanie Schneider ihre Inszenierungen. Das Medium, dem im allgemeinen der Anspruch dokumentarischer Unmittelbarkeit anhaftet, wird hier ad absurdum geführt, da Orte, Posen und Verkleidungen – und nicht zuletzt die auffälligen Bildausschnitte – im Voraus gesucht und durchdacht sind. Die besonderer technischer „Kunstgriff“ spiegelt dabei die Methode und ihre Absicht wider: Die Absolventin der Essener Folkwangschule verwendet ausschließlich abgelaufenes Polaroid Material, dessen veraltete chemische Substanzen völlig unvorhersehbar reagieren. Schlieren, Flimmern, schwarze Leerstellen und zum Teil massive Farbveränderungen legen sich wie eine zweite Realität über die Motive und stellen Fragen nach der Gültigkeit von Bildwelten, von Symbolen und der Relevanz der eigenen Erinnerungen. Die scheinbar amateurhaft-zufälligen Bildausschnitte wecken darüber hinaus den Eindruck einer Authentizität, über deren Echtheit man im nächsten Moment doch wieder stolpert. (Petra Prahl)
Inszenierte Träume in Polaroid
Ein Pool, ein Maschendrahtzaun, ein dunkler Wagen auf staubigem Parkplatz. Die meisten von uns werden genügend über die Produktionen billiger Pornostreifen gehört haben, um bei Max by the Pool aufmerksam zu werden. Welche Art von Wasserspiele leitet die Szene ein? Dieser Typ Kindfrau, ausstaffiert mit den klassischen Blickfängern schneller Verlockung, lässt auf ein wenig fantasievolles Drehbuch schließen. Gebrochen wird der Eindruck durch die abwesende, gedankenverlorene Haltung des Modells. Wir erleben es nicht in Aktion sondern in einem Augenblick der Pause, quasi neben der Kamera. Der unscharfe, überbelichtete Schnappschuss reizt in seiner Intimität die Neugier und stellt Fragen nach dem Davor und Danach der Szene. Doch selbst in der neunteiligen Arbeit mit dem Paar am Strand, liefert Stefanie Schneider nicht mehr Informationen. Mit wenigen Requisiten weckt sie Assoziationen an die glamourösen fünfziger Jahre und die Traumfabrik Hollywood mit ihren göttlichen Diven und gescheiterten Ehen. In die Betrachtung mischen sich allerdings genauso Erinnerungsfetzen an zeitgenössische Musikvideos und Modereportagen. Die einzelnen Aufnahmen stehen in keinem chronologischen Kontext. Sie sind vielmehr kreuz und quer lesbar. Jede Einstellung verdichtet das Gefühl für das Geschehen, bringt neue Facetten und Nuancen. Ihren eigentlichen Bezug entfalten sie in der Kommunikation mit dem Betrachter, der auf sie mit seinen eigenen Erfahrungen reagiert.Die Referenz zu Amerika, zum Film und nicht zuletzt zum Filmen als Motiv ist nicht zufällig. Die amerikanische Filmgeschichte ist ihr vertraut und immer wieder finden sich Anklänge an besondere Streifen und Rückgriffe auf Techniken des Mediums. Viele Arbeiten muten selbst wie Filmstills aus alten flackernden Western oder schrillen Road-Movies an. Manchmal meint man, erzählerische Rückblenden und Traumsequenzen losgelöst von ihrem Kontext zu beobachten und ist damit der Methode der Künstlerin ganz nah auf der Spur. Dann wieder wird man verführt, mit vermeintlich wiedererkannten Szenen bekannter Filme und versucht, Erinnerungen und Gesehenes in Einklang zu bringen. Ihre Arbeiten nähren sich von Reminiszenzen an den amerikanischen Traum, an vergangene Wild West Mythen und den kinokassentauglichen Elementen, die Produzenten ihren Low-Budget Produktionen hinzufügen: aufgedonnerte Blondinen im Minirock, Einblicke in die Welt der Schönen und Reichen oder verlassene Szenen in den Weiten des Amerikanischen Westens. Das macht sie so schnell zugänglich, weshalb man mit ihnen so schnell vertraut wird. Geschickt verwebt Stefanie Schneider unsere Realitäten und kollektiven (Film-)Fiktionen mit eigenen Bilderfindungen und besetzt damit eine Grauzone an Realität. Man erliegt der Versuchung des Kinos und erkennt erst auf den zweiten Blick, dass der Schein trügt, trotzdem aber haben die Szenen so stattgefunden, wie wir sie sehen.
ARD Kulturweltspiegel, 23.7.2005:
Stefanie Schneiders inszenierte Schnappschüsse: Die "Polaroad Movies" von Deutschlands neuem Star der Fotoszene.
"Zwischen Film, Fotografie und Malerei bewegen sich die Blow Ups von Stefanie Schneider. Ihre Bilder sind so surreal entrückt und irritierend wie ein Thriller von David Lynch. Verblichen und schlierig, erinnern sie an die Farben der britischen Pop-Art-Malerei der 1950er Jahre. Stefanie Schneider arbeitet mit der für Schnappschüsse gebräuchlichen Polaroid-Technik. Dabei verwendet die Absolventin der Essener Folkwang Schule ausschließlich Material, das bereits das Verfallsdatum überschritten hat. Die dadurch bedingten unkalkulierbaren chemischen Prozesse erzeugen eine aufregende Ästhetik des Unvollkommenen: Farbverschiebungen, Flecken und Überstrahlungen legen sich wie eine zweite Realität über die sorgsam arrangierten Motive.